Bei ihrem Besuch in „Los Pinos“ im April sprach Anja Lemmermann auch mit den Leitern Joel und Sonja. Beide sprechen über ihre Arbeit, die für sie so viel mehr als nur ein Beruf ist, über die Gemeinschaft im Kinderdorf, über die Zusammenarbeit mit der Regierung Guatemalas und über bewegende Kinderschicksale.

Anja L.: Wie lange sind Sie schon hier im Kinderdorf? Was ist Ihre größte Herausforderung bei ihrer täglichen Arbeit?

Joel:

Ich bin seit 14 Jahren hier in „Los Pinos“. Eine große Herausforderung ist, die richtigen Leute zu finden, die hier arbeiten können. Sie müssen unser Konzept verstehen und bereit sein, mit den Kindern zu arbeiten. Ein weiteres Problem sind die großen Entfernungen. Wir befinden uns hier an einem sehr abgelegenen Ort, das macht es kompliziert und teuer, Essen, Baumaterialien und sonstige Dinge aus der Hauptstadt hierher zu transportieren. Einige Dinge gibt es hier in der Nähe, aber vieles ist kompliziert. Das macht das Leben hier teuer. Insbesondere Lebensmittel müssen wir regional einkaufen.

Eine weitere große Herausforderung ist die Haltung der Regierung bezüglich des Umgangs mit gefährdeten Kindern. Manchmal holen sie hier Kinder wieder ab und geben sie zurück in ihre Familie, wohlwissend, dass in der Familie schwerwiegende Probleme herrschen wie Drogenabhängigkeit, Alkoholismus oder dass die Eltern Prostituierte sind. Sie machen das einfach trotzdem. Früher haben wir direkt mit den Familien gearbeitet. Wir konnten direkt mit den Eltern der Kinder klären, dass ihre Kinder im Kinderdorf ein besseres stabileres Umfeld haben. Diesen direkten Kontakt mit den Eltern hat die Regierung jetzt aber unterbunden. Wir können nur noch Kinder hier aufnehmen, die von der Regierung hierhergebracht werden. Darum herrscht hier eine gewisse Unsicherheit. Manche Kinder kommen nur für einen Monat hierher, manche bis sie volljährig sind. Wir haben keinerlei Einfluss mehr darauf.

Anja L.: Wie ist das mit der medizinischen Versorgung hier im Kinderdorf?

Joel:

Wir haben hier vor Ort keine Spezialisten. Seit kurzem haben wir glücklicherweise einen Kinderarzt hier im Kinderdorf, der uns mit den Kindern eine große Hilfe ist. Wir hoffen, dass er hier eine lange Zeit bleibt. Manchmal gehen wir nach Flores, dort gibt es Spezialisten. Aber das sind nicht immer die besten Ärzte. In komplizierten Situationen müssen wir nach Guatemala-City. Es gibt eigentlich ein soziales Gesundheitssystem, das theoretisch kostenlos ist, aber da kann man nie sicher sein, dass ein Kind auch wirklich gut medizinisch versorgt wird. Darum zahlen wir häufig für Ärzte. Im Allgemeinen ist es in Guatemala schwer, eine gute medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Anja L.: Gibt es eine Geschichte von einem Kind, das Sie besonders bewegt hat?

Joel:

Ganz viele! Da war zum Beispiel dieser Junge, er war für 22 Jahre hier. An dem Tag, an dem er seinen Abschluss machte, wollten wir ihn mit dem Auto nach Guatemala-City bringen. Wie immer hielten wir am Tor nochmal an, um zu beten, dass Gott uns eine gute Fahrt schenkt. Er drehte sich um, schaute auf das Dorf, seufzte und sagte „22 Jahre meines Lebens. Und es waren gute Jahre.“ Manchmal machen Kinder nicht so die Fortschritte im Unterricht, wie man es sich wünschen würde. Nicht, weil ihnen die Intelligenz fehlt, sondern weil sie emotional entwurzelt sind. Sie kennen ihre Familie nicht, wissen nicht, wieso sie hier sind, wo sie herkommen. Das ist etwas, womit viele Kinder hier kämpfen müssen. Aber wir haben hier gerade ein sehr gutes professionelles Team und wir können den Kindern helfen, mit dieser Verlorenheit umzugehen.

Anja L.: Was beeinflusst Ihre Arbeit, besonders emotional?

Sonja:

Wenn ich, die ich selbst Großmutter bin, ein kleines Kind sehe, dem es so schlecht erging, dann berührt mich das sehr. Ich frage mich „wie kann es sein, dass ein Kind in dem jungen Alter schon so viel leiden musste?“ Manche Geschichten sind so furchtbar und man fragt sich, wie das passieren konnte. Manchmal sind die Kinder auch einfach nur wütend und wir wissen nicht wieso. Manchmal in genau solchen Moment kann man nicht mit ihnen reden, man muss sie einfach gewähren lassen und dann später fragen „Geht es dir jetzt besser? Können wir da drüber reden?“ Ich umarme die Kinder gern viel. Und darauf reagieren sie! Wie ich auch meinem Mann sage, es ist wunderbar, wie Kinder, die so misshandelt wurden und so viel leiden mussten, jetzt so viel Liebe geben können.

Anja L.: Wie ist die Zusammenarbeit mit den Paten?

Sonja:

Ganz unterschiedlich, manche kommen zu Besuch und wollen ihr Patenkind kennen lernen, andere halten Briefkontakt und schicken zum Geburtstag und zu Weihnachten Pakete. Häufig fragen Paten „Was kann ich meinem Kind schenken?“ Wir sagen dann „Ja, einfach eine Kleinigkeit. Aber am besten eine Kleinigkeit, die das Kind dann mit dem Rest der Familie teilen kann.“

Anja L.: Woraus schöpfen Sie Kraft? Wie gelingt der Alltag hier im Kinderdorf?

Sonja:

Jeder Tag hier bringt seine eigenen Herausforderungen. Wir haben fröhliche Tage, traurige, geschäftige. Mir hilft sehr, dass wir täglich in Kontakt mit Gott sind. Die Kinder sehen das in unserem Gesicht: Frieden, Ruhe, Liebe. Und das macht es uns leichter, mit den Kindern zu arbeiten.“ Ich bin dieses Jahr wirklich sehr zufrieden mit unserem guten Team. Ich sage immer über meine Arbeit hier: „Das ist nicht einfach ein Beruf, das ist Berufung.“ Und Gott hilft uns dabei. Jeden Tag, sodass wir den Kindern unser Bestes geben können.

Sie möchten helfen? Spenden Sie für die Kinderdörfer, die jeden Tag Großartiges für die Kinder leisten. Danke.