Angela war selbst Kind in “Los Pinos”. Heute ist sie Psychologin und hilft im Kinderdorf den traumatisierten Kindern, mit dem Erlebten besser umgehen zu können. Niemand kann sich besser in die Kinder einfühlen als Angela. Denn sie spricht aus eigener Erfahrung: Angela war fünf Jahre alt, als sie aus ihrem Elternhaus weglief. Durch eine Anzahl glücklicher Zufälle kam sie mit acht Jahren nach „Los Pinos“. Im Gespräch mit Anja Lemmermann hat sie das erste Mal über ihre Geschichte und ihren Werdegang – nachdem sie das Kinderdorf verlassen hatte – und ihre jetzige Arbeit dort erzählt. Auszüge aus diesem Gespräch lesen Sie hier. Die Namen, die verwendet wurden, haben wir zum Schutz der Personen geändert.

Mein Psychologiestudium und meine eigene Familie haben mich geheilt

In der Uni war Therapie ein Bestandteil meines Unterrichts, denn man muss erst selbst heilen um anderen helfen zu können. Selbst als ich hier in Los Pinos war, hatte ich Albträume davon, wie mich meine Stiefmutter geprügelt hatte. Auch wenn ich also am Anfang noch nicht alles in seiner Tragweite begriff, habe ich schnell gemerkt, dass mir das Studium dabei hilft, meine eigene Geschichte aufzuarbeiten. Gegen Ende meines Studiums ging es mir dann gut, dafür waren zwei Dinge ausschlaggebend: einmal viele Menschen, die für mich da waren und die mir wirklich helfen wollten. Und, dass ich mich mit meinen Ängsten konfrontiert habe. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe geheiratet und zwei Kinder bekommen. Meine Kinder haben mein Leben wirklich verändert. Mit ihnen habe ich die Liebe neu kennengelernt, meine Liebe als Mutter. Und diese Liebe hilft auch den Kindern in Los Pinos: denn sie lernen, wie groß das Geschenk ist, hier geliebt zu werden und selbst zu lieben.

Meine Berufung in “Los Pinos” – Geborgen in Gottes Hand

Als ich dann angefangen habe, in “Los Pinos” zu arbeiten, da spürte ich, dass ich hier am richtigen Platz bin. Die Geschichten der Kinder berühren mich immer sehr. Ich arbeite jetzt seit elf Jahren hier. Eine große Einsicht hatte ich vor ein paar Jahren, als ich an einem Workshop in Guatemala Stadt teilnahm. Der Workshop hieß „Beim Spielen finden wir Kraft“. Es ging darum, wie wir als Erwachsene Kindern geistliche Themen näherbringen. Ich spürte dort auf eindrucksvolle Weise, dass – auch wenn ich keine Eltern hatte, die mich begleiteten und führten – der Weg, auf dem ich gehe, von Gott geleitet wird. Und ich kann den Kindern hier das zurückgeben, was ich selbst von meinen Hauseltern bekommen habe.

Was mich am meisten berührt an meiner Arbeit mit den Kindern in “Los Pinos”

Mich berührt ganz vieles! Manche hier nennen mich Mama. Das sagen sie eigentlich nur zu jemandem, der sie versorgt. Momentan arbeite ich mit einem Jungen. Er kam mit sechs Jahren nach „Los Pinos“. Jetzt ist er 13. Er ist sehr rebellisch. Manchmal muss ich mit ihm weinen, weil ich verstehe, dass ihm diese elterliche Liebe genauso fehlt wie sie mir fehlte. Seine eigenen Eltern haben ihn verkauft. Er hätte von Amerikanern adoptiert werden sollen, aber das war illegal. Er ist schwer traumatisiert. In meiner Arbeit brauche ich ein Gleichgewicht. Ich muss einerseits die Kinder und ihre Traumata verstehen, und gleichzeitig muss ich auch einen richtigen und für sie gangbaren Weg aufzeigen. Das ist manchmal sehr schwer.

Über die Eltern-Kind-Beziehung und die Arbeit mit den Kindern in “Los Pinos”

Ich habe soeben eine dreijährige Fortbildung abgeschlossen. Ich bin gerade erst zurückgekehrt und noch voller Eindrücke. Ein Problem ist, dass wir hier häufig keine guten Bücher für die Arbeit mit den Kindern finden. Die meisten Bücher setzen voraus, dass Kinder Eltern haben und wie man zu guten Eltern wird. Es gibt nicht viel Material zum Umgang mit Kindern, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen. In dieser Fortbildung gab es endlich einmal solches Material! Das habe ich auch für die anderen Mitarbeiterinnen mitgebracht. Da geht es zum Beispiel darum, wie man eine Bindung zu einem Kind aufbaut. Oder wie man damit umgeht, wenn ein Kind etwas Bestimmtes nicht machen will – nicht, weil es generell doof findet, was man von ihm möchte, sondern weil man unbewusst einen Trigger gefunden hat. Auch die Hauseltern benötigen hier viel Unterstützung. In Guatemala herrscht grundsätzlich die Meinung, dass man Kindern Dinge nur mit Disziplin oder Züchtigung beibringen kann. Wir bemühen uns den Hauseltern nahe zu bringen, dass und wie sie mit den Kindern reden können.

Anja Lemmermann sagt über ihre Begegnung mit Angela:

Angela wuchs im Kinderdorf auf und weiß aus eigener Erfahrung, wie verletzt und verletzlich die Kinder dort sind. Die Entscheidung, nach ihrem Psychologie-Studium in das Kinderdorf zurückzugehen, um den Kindern zu helfen, war für sie selbstverständlich. Sie ist eine unglaublich starke und großherzige Frau, die sich unermüdlich für die Kinder und die Gemeinschaft einsetzt. Wenn auch Sie Kinder wie einst Angela dabei unterstützen möchten, aus ihrer Geschichte ein gutes Ende zu schreiben, können Sie das mit einer Patenschaft für ein Kind tun.